Die Geschichte der Räuberbahn

…und schon wieder eine Grenze im Weg!

Im Eisenbahnwesen schieden sich in Baden und Württemberg die Geister. Kaum ein Bauwerk zeigt das so gut wie der Pfullendorfer Bahnhof. Während Burgweiler, Ostrach und Altshausen an der ab 1873 eröffneten, rund 25 Kilometer langen Schienenstrecke von Schwackenreute bis nach Altshausen prächtige Bahnhofsgebäude erhielten, markierte in Pfullendorf fünfzig Jahre lang eine Bretterbude das Ende der Gleise – und die Grenze zwischen den beiden Staaten.

Zu Beginn des 19. Jahrhundert hatten in Oberschwaben viele Herren das Sagen, kirchliche wie weltliche. Zahlreiche Grenzen durchzogen Wälder und Wiesen. Was dem Schwarzen Vere und seiner Räuberbande zwischen 1817 und 1819 die Flucht von einem Kleinstaat in den anderen erleichterte, erwies sich über 50 Jahre später als Bremsklotz der Bahnentwicklung: zwischenstaatliche Grenzen.

Die bereits 1860 geborene Idee der Eisenbahngründerväter in Pfullendorf, die ehemalige Reichsstadt an eine zweigleisige Europatransversale von Paris nach Wien anzudocken, war rasch gestorben. Der agile Politiker Franz Xaver Heilig und sein Mitstreiter Ingenieur Robert Gerwig konnten sich nicht durchsetzen. Allenfalls eine Nebenlinie war denkbar. Diese sollte Schwackenreute via Pfullendorf mit Aulendorf verbinden und dort auf die Strecke Ulm-Bodensee stoßen.

Doch Baden und Württemberg kamen nicht recht in Fahrt, der deutsch-französische Krieg bremste 1870 den Bau der Trasse aus. Erst ein Jahr später begannen die Bauarbeiten auf badischer Seite, die Württemberger verlegten zwei Jahre später die ersten Schienen. Die Linie hatte aber einen Schönheitsfehler. Der badische und der württembergische Schienenstrang endete jeweils in Pfullendorf, dem Stiefkind der Planungen. Heiligs hochfliegende Pläne waren offenbar begraben. Darüber hinaus hatte die ehemalige Reichsstadt noch kein richtiges Bahnhofsgebäude, als am 11. August 1873 der erste Zug von Pfullendorf nach Schwackenreute dampfte. Und auch nicht zwei Jahre darauf, als die ersten Züge nach Altshausen fuhren.

Die Pfullendorfer mussten sich lange gedulden, bis sie anstelle der hölzernen Bretterbude ein gemauertes Bahnhofsgebäude erhielten. Erst 1926, über 50 Jahre nachdem der Eröffnungszug nach Schwackenreute gedampft war, wurde das einstöckige, nüchterne Bahnhofsgebäude errichtet.

Nach nur acht Jahrzehnten endete das Eisenbahnzeitalter im Pesonenverkehr schon wieder: Ab 1964 fuhren nur noch Busse nach Aulendorf; im Herbst 1971 endete auch der Personenzugverkehr Richtung Schwackenreute – Stockach.

Der alte Pfullendorfer Bahnhof im April 1989 mit einem Sonderzug (Foto: O. Blaschke)

Bis 2002 transportierte die Bahn noch Güter auf der Trasse, zwei Jahre darauf wurde die Strecke Altshausen – Pfullendorf stillgelegt. 2008 schien das Ende des Bahnzeitalters in Pfullendorf gekommen. Die Stadt kaufte das Bahnhofsareal, entfernte die Gleise und baute auf Teilen des Grundstücks den heutigen Busbahnhof (ZOB). Ins denkmalgeschützte Bahnhofsgebäude ist zwischenzeitlich eine Brauereigaststätte eingezogen.

Wiedereröffnung der Strecke am 31. Juli 2009, hier in Altshausen (Foto: F. v. Meißner)

Doch für den restlichen Streckenabschnitt vom Pfullendorfer Stadtgarten bis Altshausen begann eine neue Blüte: Unter kommunaler Regie und mit tatkräftiger Unterstützung von Eisenbahnexperten wurde die Strecke nach fünfjähriger Stillegungszeit im Sommer 2009 wieder reaktiviert und wird seitdem von der Stadt betrieben. Seit Juli 2011 verbindet der Radexpress Aulendorf und Pfullendorf, zunächst noch in unregelmäßigen Abständen. Seit 2018 fahren die Züge unter dem neuen Namen Räuberbahn von Mai bis Oktober jeden Sonn- und Feiertag und laden dazu ein, die Region zu entdecken. Und inzwischen floriert auch der Frachtverkehr wieder: zum Nutzen von Umwelt und Klima.

2017 konnte auch der Güterverkehr wieder aufgenommen werden, hier am neuen Holzladeplatz Burgweiler.

Ein Bahnhofsgebäude gibt es in Pfullendorf übrigens wieder nicht. Endstation ist nun ein Prellbock beim Stadtgarten. Dort empfängt ein kleiner Bahnsteig die Reisenden.

Chronik

1873Bereits am 11. August 1873 eröffneten die Badischen Staatseisenbahnen den Streckenteil von Schwackenreute nach Pfullendorf. Am 14. August 1875 verlängerten die Königlich Württembergischen Staats-Eisenbahnen die Strecke bis Altshausen.
1964Die Deutsche Bundesbahn stellt den Personenverkehr von Pfullendorf nach Altshausen ein.
2002Die DB stellte den Güterverkehr nach Pfullendorf ein, 2004 erfolgte die formale Stillegung. Zu einem Abbau der Gleise kam es aber nicht, denn der Streckenabschnitt Altshausen – Pfullendorf wurde 2005 von einer kommunalen Interessengemeinschaft angepachtet.
2009Der erhalten gebliebene Abschnitt zwischen Altshausen und Pfullendorf wird am 31. Juli mit Fahrradsonderzügen reaktiviert. Betreiberin der regionalen öffentlichen Bahn ist die Stadt Pfullendorf als Pächter, unterstützt durch nebenberufliche Eisenbahnbetriebsleiter.
2010Der bodo-Erlebnistag bringt Ausflugs-Sonderzüge auf die Strecke nach Pfullendorf. Der Bahnsteig Ostrach wird reaktiviert. Die Sonderzüge sind voll besetzt – Überlegungen für einen regelmäßigen Ausflugsverkehr entstehen.
2011Der „Radexpress  Oberschwaben“ bringt regelmäßige Züge auf die Strecke. Die Stadt Pfullendorf errichtete hierfür einen neuen Bahnsteig am heutigen Streckenende am Stadtgarten.
2015Kauf der Bahnstrecke durch die Stadt Pfullendorf und die Gemeinden Ostrach und Altshausen am 21.05.2015.
2017Der planmäßige Güterverkehr kommt wieder zum Laufen. Überwiegend sind es Holz und Kunstdünger nach und von Altshausen und Burgweiler.
2018Eine Arbeitsgruppe aus Pfullendorfer Bahnverwaltung, Bodo-Verkehrsverbund, Tourismus und Kommunen schmiedet ein neues Konzept: Die Bahnhöfe werden touristisch aufgewertet mit Info-Stellen, Sitzgelegenheiten und z.T. neuen Bahnsteigen. Begleitprogramme werden geschaffen. Und die Strecke bekommt einen neuen Namen: Räuberbahn. Zudem verdoppelt sich das Fahrplanangebot.
2019Das integrierte Infrastruktur-, Marketing- und Tourismus-Konzept der „Räuberbahn“ wird mit dem ÖPNV-Innovationspreis des Landes und dem Innovationspreis bodensee19 des Verbands der Touristikwirtschaft Bodensee ausgezeichnet;
der neu gebaute Bahnhaltepunk Hoßkirch Königseggsee geht in Betrieb: die Planungen und Suche nach einer Finanzierung dauerten sechs Jahre…
Der neue Bahnsteig Pfullendorf Stadtgarten, heute Endpunkt der Strecke.